Wetterstation Wohlen | Bericht zum Unwetter in Lenzburg

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1. Advent
Bericht zum Unwetter in Lenzburg vom 24.06.2002
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Am 23.06.2002 gegen 23:35 Uhr konnte man aus Süden plötzliches kräftiges Blitzezucken (3 Blitze innerhalb 10 Sekunden) und Donnergrollen wahrnehmen. Ich stürzte sofort an den PC und rief das aktuelle Radarbild auf. NICHTS, absolut nichts war auf dem 23:25 Uhr Radar zu sehen, so wartete ich das 23:30 Uhr Radarbild ab. Erneut war nichts zu sehen. Erst auf dem 23:35 Uhr Radarbild konnte man die nicht ganz kleine Zelle sehen. Sie war aus dem Nichts entstanden und hatte sich innerhalb von weniger als 5 Minuten (!) zu einer ausgewachsenen Gewitterzelle entwickelt. Die Zelle zog dann aber in ca. 5 km Entfernung SW an uns vorbei. Inzwischen war die Zelle tiefrot eingefärbt, dies deutet meist auf Hagel hin. Tatsächlich gab es dann in einigen Regionen kurze Graupelschauer.

Bereits am 24.06.2002 um 00 Uhr sah ich anhand der Radarbilder, dass da etwas noch viel gigantischeres auf uns zukommt. Die SMS Warnung wurde von mir ausgelöst. Zu diesem Zeitpunkt konnte aber auch ich noch keine genauen Angaben zum Ausmass dieses Unwetters machen. Auch die Zugbahn war schlichtweg nicht bestimmbar. Also ging ich kurz vor ein Uhr ins Bett. Schlafen konnte ich aber nicht wirklich lange, denn bereits um vier Uhr ging es mit dem ersten Donnergrollen los.

Gegen 03:50 Uhr ging bei Nicolas (Wetterstation Erlinsbach) der Niederschlagsalarm ab. Er berichtete, dass er noch nie, auch nur Ansatzweise, eine solche Sturzflut gesehen hat! Über das Forum blieben wir in Kontakt und tauschten im 5 Minuten Takt die aktuellen Wetterzustände aus.

Er berichtete um 03:54 Uhr folgendes:
"Hab glaub noch nie auch nur ansatzweise dermassen heftigen Regen beobachtet wie gerade eben. Normalerweise sieht man doch die einzelnen Tropfen auf der Strasse, wenn die am Boden auftreffen - hier war das nicht mehr der Fall. Das war nur noch einfach eine Sturzflut. Die ganze Strasse verhielt sich wie ein Wildbach, etwas unglaubliches."

Um 04:01 Uhr kam auch von Markus Brotschi (Wetterstation Recherswil) die Meldung, dass bei ihm ein Megagewitter tobt.

Um 04:05 Uhr ging es auch bei mir los. Es war taghell draussen, die Donner "schossen" nur so.

Um 04:20 Uhr kam bereits die zweite Gewitterzelle, die noch kräftiger als die vorangehende war.

Um 04:25 Uhr kam von Nicolas in Erlinsbach die Meldung von einem kurzzeitigen Stromunterbruch infolge Blitzschlag. Auch in Wohlen war der Strom kurzzeitig weg, doch dank meinem USV-Gerät bemerkte ich davon an PC und Wetterstation nichts.

Um 04:30 Uhr war es draussen absolut still, die so genannte Ruhe vor dem Sturm. Ich beschloss, mich nochmals kurz ins Bett zu legen, schlafen war sowieso nicht mehr angesagt, da ich bereits um 04:50 Uhr wieder aufstehen musste.

Um 04:35 Uhr tobte das Unwetter noch heftiger als je zuvor. Blitz und Donner waren pausenlos zu sehen und hören, dazu fiel sintflutartiger Regen.

Um 04:48 schlug der Blitz innerhalb von 5 Sekunden gleich zwei Mal (!) in den gleichen Masten der SBB ein, keine 250 Meter von mir entfernt! Uaaaaaaaaaahhhhhhhhhhhh, das "schoss", der Boden vibrierte wie bei einem Erdbeben.

Als ich um 05:00 Uhr die tägliche Wettermeldung bei Radio Argovia abgesetzt hatte, hörte ich noch die Nachrichten von Radio Argovia. In den fünf Uhr Nachrichten wurde berichtete, dass in der Region Lenzburg - Aarau schwere Unwetter gewütet haben. Zudem war die Autobahn A1 zwischen Lenzburg und Aarau in beide Richtungen wegen Bäumen und Wasser auf der Fahrbahn gesperrt.


Das Radarbild dazu.

Mit den Gedanken bei meinem Arbeitgeber in Lenzburg ging ich anschliessend unter die Dusche und as mein Frühstück.

Um 05:25 rief ich die Bahnhofleitstelle in Wohlen an, um zu erfragen, ob die Züge verkehren, denn ich hatte bis jetzt keine Züge gehört. Normalerweise fahren in der Nacht mindestens 20 Güterzüge durch den Bahnhof. Der Diensthabende Beamte teilte mir mit, dass sämtliche Weichen und Strecken frei wären. "Mir liegen keine Angaben über Störungen auf dem Streckennetz vor", meinte er.
(Wie sich allerdings später herausstellte, war der Bahnhof Lenzburg schon seit 04 Uhr total stromlos... *grrrr*)
Also machte ich mich um 05:28 Uhr auf den Weg zum Bahnhof.

Schon aus grosser Entfernung sah ich, dass der Bahnhof Wohlen mit Notstrom beleuchtet war, denn nur jede dritte Lampe funktionierte.

Kaum war ich auf dem Perron Nummer 3 angelangt, kam die Durchsage, dass der Regionalzug von 05:39 Uhr nach Lenzburg - Aarau infolge totalem Stromausfall im Bahnhof Lenzburg, nicht fahren würde. Wie die Reisenden nach Muri - Rotkreuz am Morgen früh schon dreckig lachten, lässt sich hier nicht beschreiben. Im gleichen Atemzug, wie unsere Meldung über die Lautsprecher kam, wurde jedoch mitgeteilt, dass der Regionalzug nach Boswil - Muri - Rotkreuz infolge der Unwetterschäden von vergangener Nacht mindestens 15 Minuten Verspätung haben wird. Tja, wer zuletzt lacht, lacht am Besten... :-))

Wir mussten im immer noch starken Regen zum Busbahnhof marschieren und dort unter dem Velounterstand auf den Bahnersatz warten. Währenddessen rief ich per Natel (Mobiltelefon sein dank) meinen Chef, der in Rupperswil wohnt an, um ihm mitzuteilen, dass ich später käme. Dieser teilte mir mit, dass er zu Hause auch "Probleme" habe und nicht zur Zeit kommen würde. Inzwischen erhielt ich auch eine SMS von einer meiner Mitarbeiterinnen, die zu Hause einen vollen Keller hatte.

Innerhalb von fast rekordverdächtigen 5 Minuten kam der Bahnersatz. Wir wartende staunten nicht schlecht, es war ein komfortabler Car, dessen Chauffeur zwar noch nicht ganz wach war.

Nun ging die "Reise" los, im Car selbst war es gespenstisch still, man hörte nur die Motorengeräusche und immer wieder einen Donnerschlag. Durch die riesigen Car Scheiben sah man noch zahlreiche wunderschöne Blitze. Unterwegs trafen wir noch die Feuerwehr an, die mit den ersten Aufräumarbeiten beschäftigt war. Das Radio im Car war an und Radio DRS 3 berichtete vom schweren Unwetter und den grossen Schäden die im Raume Lenzburg angerichtet wurden.

Als der Car in Lenzburg war, meinte ich, in einer anderen Welt zu sein. Ich hielt nach Wegschilder ausschau, um sicher zu sein, dass dies wirklich Lenzburg war! Doch ich fand keine mehr, alles weg, umgeweht oder zugedeckt! Langsam erkannte ich die Gegend aber wieder, überall lagen Blätter auf der Strasse, das Trottoir war kaum mehr auszumachen. Die Feuerwehr hatte alle Hände voll zu tun. Langsam ging ich weiter und betrachtete mir die Schäden an der Umgebung, einfach gigantisch! Überall lagen immer noch Hagelkörner mit einer Korngrössen von ca. 2 cm herum.

Nun aber eilte ich zum Gebäude von meinem Arbeitgeber. Überall klebten an der Fassade Blätter, es bot sich ein schreckliches Bild. Mit nur fünf Minuten Verspätung stempelte ich um 06:05 Uhr ein. Mein Chef kam auch gerade mit dem Auto zugefahren. Er berichtete mir, dass in Rupperswil ähnliche Verhältnisse wie in Lenzburg waren. Leider hatte ich keinen Fotoapparat dabei, um diese eindrücklichen Bilder festhalten zu können. Am Nachmittag nahm ich dann meinen von zu Hause mit und knipste noch einige Bilder.



Verschieden Arbeitskollegen und -kolleginnen von der Region Lenzburg berichteten mir, dass es Tischtennisball grosse Hagelkörner gegeben hat.
"Zudem hat es so getönt, als würden gleich die Dachfenster bersten", berichtete mir ein anderer. Einige berichteten sogar von einem komischen saugen und rumoren, ähnlich einem Tornado.


Was sich an diesem Montagmorgen in Lenzburg und Umgebung genau abgespielt hat, kann ich nicht beurteilen, da wir hier in Wohlen von einem solchem Schadensausmass glücklicherweise verschont blieben.

Was sich aber bestätigt ist die Tatsache, dass wir langsam lernen müssen, mit solchen Extremereignissen zu leben. Vorbeugen ist dazu die beste Methode, denn die Natur ist unberechenbar.



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